Ränder und Übergänge im Aquarell

Dies ist das Skript der neuen Podcastfolge, die zugleich die vorletzte Folge in der Serie „Grundlagen des gelungenen realistischen Aquarellbildes“ ist. Die Podcastfolge kannst Du hier anhören.

Stell Dir vor, Du bist im Wald. Vor Dir siehst Du Baumstämme, so ähnlich wie in dem Foto oben. An einigen Stellen leuchten sie rötlich im Sonnenlicht, an anderen Stellen sind sie braun-violett oder grau. Sie werfen wunderschönen Schatte. Um die Schatten herum ist der Waldboden sonnig und hell, ansonsten ist es Dunkelgrün bis mitteltonig Grün. Überall Bäume. Du fühlst Dich gut, Du siehst ein Motiv, du fängst an zu zeichnen, Du willst das einfach einfangen und für Dich zur Erinnerung malen.

Beim Zeichnen eines solchen Motivs – viele Stämme im Wald – hast Du es mit vielen Konturen zu tun. Jeder Baum hat eine, Gräser und Büsche auch. Wo kommen jetzt die Ränder ins Spiel? Ränder und Konturen sind an vielen Stellen gleichbedeutend: da, wo ein Gegenstand aufhört, wo er also bildlich gesprochen an seine Kontur stößt, da gibt es einen Rand, eine Kante.

So weit, so grundlegend.

Die Tendenz, die ich bei realistischen AquarellmalerInnen am häufigsten sehe, ist es, alle Ränder gleich zu behandeln. Aus ihnen werden dann in der Regel harte Ränder, die eine klare Grenze zwischen Gegenständen, Farben und Bildebenen beschreiben. Wenn Du aber alle Ränder in Deinem Bild gleich behandelst und sie zu harten Rändern machst, dann werden Deine Motive manchmal zu Wimmelbildern.

Du kennst doch diese Wimmelbilder für Kinder, oder? In den meisten Fällen sind das sogar Aquarellillustrationen, in denen die Konturen mit Pigmentmarker nachgearbeitet sind. Eine schwarze Linie in der Begrenzung ist der Gipfel der harten Kontur.

Wie gesagt, im Bereich Illustration kann das sehr wirksam sein, vor allem, wenn man viele Dinge so präsentieren will, dass man sie gut erkennen kann.

Aber willst Du das immer?

Bei so einem Waldmotiv – worauf kommt es Dir da an? Darauf, dass man den herrlich belichteten Baum und seinen Schatten auf der Lichtung gut erkennen und sehen kann, dass das alles mitten im Wald ist oder darauf, dass man die Anzahl der Stämmchen im Hintergrund zählen kann?

Ein interessantes Bild weist eine Reihe von verschiedenen Rändern auf. Ein Gegenstand muss durch einen Rand nicht immer abrupt und hart von einem anderen abgetrennt werden. Zwei Gegenstände können auch miteinander verschmelzen, z.B. weil sie inhaltlich eng zusammengehören. Wie ein Liebespaar, so könntest Du auch zwei nebeneinander stehende Blumentöpfe oder ein Bouquet Rosen oder eben viele Baumstämme im Wald miteinander eins werden lassen.

Wie? Indem Du die Übergänge weich gestaltest, entweder fließend oder brüchig. Ein brüchiger Rand ist an einigen Stellen durch ein paar Farbkörnchen gut zu sehen, während er an anderen Stellen nicht existiert. Im Englischen nennt man einen so gearbeiteten Rand „lost-and-found edge“, also einen Rand, der verloren ward und doch wiedergefunden. Und dann wieder verloren….usw 🙂 Während Du beim weichen Übergang viel Wasser nimmst, ist beim brüchigen so gut wie keins im Einsatz. Die Farbe ist trocken am Pinsel und erzeugt auf dem Papier eher einen Abrieb als einen Anstrich.

Bildgegenstände, die in den hinteren Mittelgrund oder Hintergrund gehören, brauchen nicht sehr detailliert ausgearbeitet zu werden. Ihre Ränder könnten brüchig oder weich sein.

Ein harter Rand, der der Form eine definitive Kontur gibt, ist im Bildzentrum wichtig. Da, wo sich alles abspielt, braucht das Auge Details, und Details entstehen oft durch harte Ränder. Weiche Übergänge mögen im Bildzentrum auch vonnöten sein, einfach weil das Motiv das verlangt. Ich denke da gerade an eine Stockrose, die ich kürzlich gemalt habe und bei der die geschwungenen Blütenblätter nur mit weichen Übergängen zu malen waren. Trotzdem war bei der zentralen Blüte ein gut abgesetzter heller Stempel notwendig, der einen deutlich erkennbaren Schatten in die Blüte hinein warf. Und um diese Blüte herum gab es eben die harten Ränder, im restlichen Bild nicht.

Zu einem gut ausgearbeiteten zentralen Punkt in einem Bild wird das Auge besonders dann hingezogen, wenn viele der übrigen Ränder und Übergänge weich gearbeitet sind.

Das kennen wir aus der Fotografie. Auch da gibt es die Möglichkeit so zu fotografieren, dass nur das Gewünschte scharf ist und der Rest unscharf. Der Hintergrund und Dinge in der Ferne verschwimmen dann einfach, ohne dass es dem Motiv einen Abbruch tut. Und das passt auch mit unserer Seherfahrung zusammen: auch, wenn wir sehr gute Augen haben, ist unser Vermögen, in der Ferne Dinge scharf zu erkennen, nicht so groß.

Das, was unscharf ist, wo die Ränder unklar sind, sehen wir als weit weg. Wenn es noch dazu bläulich ist und es sich um eine Landschaft handelt, dann umso besser. Denn durch die Luftperspektive kommt es bei zunehmender Entfernung zur Verblauung der Farben. Wir interpretieren das Unscharfe in Blau daher schnell als „Ferne“. Wenn es sich um ein intimes Bild handelt wie bspw. ein Blumenbouquet, dann würden unscharfe Bereiche schnell als unwichtig und Hintergrund gedeutet werden. Das kann Dir nur in die Hände spielen, denn dann schauen die Betrachter auf die Blüten, die Du ordentlich ausgearbeitet hast.

Wichtig sind harte Ränder im Bildzentrum. Denn das, worum es Dir geht in Deinem Bild, benötigt Details. Aber brauchst Du die Details im Hintergrund? Wenn ja, welche brauchst Du? Müssen die Ränder hart sein oder ist der Gegenstand allein durch seine Form und Farbgebung zu identifizieren, so dass Du auf die harten Ränder verzichten kannst?

Wie viele klar definierte Übergänge brauchst Du allgemein in deinen Bildern? Magst Du es vielleicht auch eher sanft? Dann würde ich Dir eine kleine Auseinandersetzung mit der nass-in-nass-Technik empfehlen. Wenn Du die Linie an sich magst, dann guck Dir doch mal die Urban Sketchers an.

Ich will da gar nicht drauf herumreiten, aber ich mache es irgendwie unweigerlich. Wisse, was du magst und was du willst mit deiner Malerei. Und dann schau, wie Du deine Ränder etwas aufmischen kannst, um Deine Bilder interessanter zu machen und ihnen mehr Tiefe zu geben.

Zum Schluss sind wir wieder im Wald: das Bäumchen steht jetzt im Schatten, denn die Lichtverhältnisse haben sich in dieser kurzen Zeit komplett gerändert. Du konntest es gar nicht so schnell malen, wie Du wolltest. Jetzt hast Du aber wenigstens eine Zeichnung von dem Bäumchen. Was machst Du mit dem Hintergrund, mit dem Wald? Was machst Du mit den Motiven, die Dir gefallen, und vor allem, was machst Du mit den Rändern und Übergängen?

Mit dieser Frage lasse ich Dich jetzt allein. Bis bald an dieser Stelle 🙂

Ränder und Übergänge im Aquarell
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